Dreißig Jahre aufgelegt, nichts aufgehoben

Ich lege seit Ende der Neunziger auf. Veröffentlicht habe ich in dieser Zeit: nichts.

Das ist kein kokettes Understatement, sondern eine ziemlich genaue Beschreibung. Es gab Clubs, Geburtstage, Hochzeiten, Firmenfeiern, unzählige sehr gute und sehr lange Nächte. Aber nie etwas, das man danach noch einmal hätte hören können. Ein Set war ein Abend, und dann war der Abend vorbei. Was blieb, waren Erinnerungen von Leuten, die dabei waren — und die werden bekanntlich mit jedem Jahr besser, als es tatsächlich war.

Dazu kommt etwas, das in all den Jahren nie seinen Platz hatte. Wer gebucht wird, spielt, was der Abend verlangt, und der Abend verlangt von mir in aller Regel gemischte Clubmusik. Das kann ich, das mache ich gern, und ich würde keinen einzigen dieser Abende zurücknehmen wollen. Nur ist es nicht mehr die Musik, die läuft, wenn mich niemand gebucht hat.

Dafür gibt es seit September PDMAX — in Großbuchstaben und bewusst als eigener Name. Der Kanal ist der Ort für meine Leidenschaft für elektronische Musik: melodisch, organisch, manchmal verträumt. Nicht die Fortsetzung meiner Live-Vita, sondern ihr Gegenstück. Ein YouTube-Kanal, ein SoundCloud-Account, ein Mixcloud-Profil. Und damit zum ersten Mal etwas, das bleibt.

Morning Melancholia

Die erste Reihe heißt Morning Melancholia, und der Name ist Programm im wörtlichsten Sinn. Es sind Aufwach-Mixe: melodischer, organischer House für die Stunde, bevor der Tag richtig anfängt. Wenn das Licht noch tief steht, das Leben noch leise ist und noch niemand etwas von Dir will.

Keine Musik, die Dich weckt. Musik, die bereit ist, mit Dir aufzuwachen.

Aufgenommen wird zu Hause, meistens in der Küche, immer in einem Take. Kein Schnitt, kein zweiter Versuch, keine nachträgliche Korrektur. Was im Raum passiert ist, ist drauf — inklusive der Stellen, an denen ich eine Sekunde zu spät dran war. Das ist keine Bescheidenheitsgeste, sondern der einzige Weg, auf dem die Mixe so klingen wie das, was sie beschreiben wollen.

Für den Namen habe ich lange gebraucht. „Sweet Melancholia“ war der Arbeitstitel, „Morning Melodica“ stand ernsthaft zur Debatte, und am Ende ist es genau die Wendung geworden, bei der mir ein bisschen unwohl war. Melancholie ist ein großes Wort für eine Stunde Musik am Morgen. Aber es ist eben auch das einzige, das trifft. Und eines, das mir wesensimmanent am Herzen liegt.

Folge 001, mit Bildausfall

Die erste Folge ist im September entstanden und läuft knapp über eine Stunde. Sie eröffnet mit einem eigenen Track und geht dann durch Khen, Adam Ten, Keinemusik, Ben Böhmer, Above & Beyond und Dam Swindle.

Und sie hat einen Fehler, der mir beim Schneiden den Tag verdorben hat: Nach etwa zweiunddreißig Minuten ist die Kamera überhitzt und hat für vierzehn Minuten stillschweigend aufgegeben. Die Musik hat davon nichts mitbekommen, das Bild schon.

Ich habe ernsthaft überlegt, alles noch einmal zu machen. Habe ich dann nicht. Erstens, weil ein Mix in einem Take nicht wiederholbar ist, ohne dass er etwas anderes wird. Zweitens, weil mir irgendwann klar wurde, dass ich damit genau in die Falle laufe, vor der ich Kunden seit siebzehn Jahren warne: lieber nichts veröffentlichen als etwas Unfertiges. Die erste Folge einer Reihe, die morgens in der Küche entsteht, darf eine kaputte Kamera haben. Sie darf nur nicht in der Schublade liegen bleiben.

Folge 002, und was die Platten mir gesagt haben

Die zweite Folge ist Ende Oktober fertig geworden. Dieselbe Idee, zwei Kameras, beide haben überlebt.

Interessanter ist etwas anderes. Beim Abschreiben der Trackliste ist mir aufgefallen, was ich da eigentlich gespielt hatte: Beyond Beliefs. In the Morning Light. Una Mattina. Soft Landing. Light Up My Dark. Die Titel hatten das Briefing geschrieben, ohne dass ich es gemerkt habe.

Drin sind unter anderem Ben Böhmer, David Hohme, Innellea, Klangkarussell und Monolink — und zwei Stücke, die nicht sind, was sie zu sein scheinen. Eines davon ist Ludovico Einaudis Una Mattina, umgebaut zu organischem House. Das andere ist eine deutsche Platte von 2008, die um sieben Uhr morgens keinerlei Grund hat, so gut zu funktionieren, wie sie es tut.

Und dann gibt es noch One More Starship

Damit nicht der Eindruck entsteht, hier werde ausschließlich würdevoll in den Sonnenaufgang gestarrt: Auf dem Kanal liegt außerdem ein Mashup aus Nicki Minajs Starships und Daft Punks One More Time.

Das ist ungefähr das Gegenteil von Morning Melancholia, und genau deshalb ist es dort richtig. Elektronisch heißt für mich nicht eng. Groove House, Discohouse, der eine oder andere Ausflug in die Achtziger — was eben kommt. Die Reihen haben Namen. Der Geschmack hat keinen.

Wo Du das findest

Auf YouTube gibt es die Mixe als Video, mit vollständiger Trackliste und anklickbaren Kapiteln. Auf Mixcloud laufen sie rein als Audio, dafür lizenziert und mit Beteiligung der Künstler — mir persönlich die liebste Variante, wenn es einfach nur laufen soll.

Wie es weitergeht

Es gibt keinen festen Rhythmus, und ich habe auch nicht vor, mir einen zu verordnen. Eine neue Folge entsteht, wenn ein Morgen ruhig genug dafür ist. Das ist ehrlicher als jeder Redaktionsplan und am Ende auch verlässlicher.

Was ich sagen kann: Es kommt mehr. Zwei Vormittage auf einer Marketingkonferenz liegen aufgezeichnet herum, dazu ein zweistündiges After-Work-Set mit Groove- und Discohouse. Beides klingt deutlich wacher als Morning Melancholia und braucht deshalb einen eigenen Namen.

Falls Du reinhörst und Dir ein Track hängen bleibt: Schreib mir die Minute. Ich sage Dir, wo ich ihn gefunden habe.

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